Zum Nachdenken

Liebe Gemeinde,

auf der Straße begegne ich einem pensionierten Lehrer. Wir wechseln ein paar Worte. Ich frage natürlich, wie es im Ruhestand geht. Gut soweit. Bis dahin hätte ich die Begegnung längst wieder vergessen. Aber dann erzählt er noch etwas: “Ich werde jetzt sooft nach meinem Ruhestand gefragt. Gerade von ehemaligen Kollegen. Und alle beneiden mich. Warum? Ich bin fast 40 Jahre zur Arbeit gegangen. Und immer gerne.“

Zu Hause muss ich wieder an die Begegnung denken: Was haben wir für eine verquere Sicht auf unsere Arbeit? Wenn wir keine haben, dann geht es uns schlecht. Es fehlt eine Aufgabe. Und es fehlt an Geld. Wenn wir Arbeit haben, klagen wir über Überlastung, die vielen Veränderungen. Wir sehnen uns nach dem Ruhestand. Wir vergessen dabei, dass es keineswegs selbstverständlich ist arbeiten zu können und zu dürfen. Manchmal denke ich, dass es schon in der Schule anfängt. Ich beobachte Schüler, die sich morgens müde zur Schule schleppen. Wir nehmen vieles für viel zu selbstverständlich. Wir haben ein Luxusproblem.

Im Gleichnis vom Seemann streut ein Bauer Samen auf das Feld. Die Arbeit ist immer gleich. Mancher Samen geht nicht auf wegen der Dornen oder des Bodens. Aber anderer trägt 30, 60 oder 100-fach Frucht. Dabei fragt keiner den Bauern, ob er heute Lust hat zu säen. Es muss ganz einfach gemacht werden. Möglichst zur rechten Zeit und auf angemessene Weise. Sonst gibt es später ganz sicher nichts zu speisen. Er kann auch nicht völlig überblicken, welcher Samen viel später Ertrag bringen wird. So ist es doch oft mit unserer Arbeit: Was sich entwickelt und was erfolgreich ist sehen wir später. Ein Bauer muss auch langfristig denken und kann nur zu bestimmten Zeiten ernten. Und dann auch nur jeweils eine Fruchtart.

Ich würde mir längerfristiges Denken wünschen. Engagement ohne ständige Klage. Niemand arbeitet mehr so wie vor 10 oder 20 Jahren. In der Kirche genauso wie an anderen Orten. Und ich würde mir wünschen, dass wir unsere eigene Arbeit und die anderer Menschen wieder mehr zu schätzen wissen. Arbeit ist ein Gutteil unserer Lebenszeit.

Ihr Burkard Zill