Auf den Spuren von Heinz Hesdörffer 26.05.-29.05.2016

Im Herbst 2015 waren Jugendliche aus dem Ev. Jugendzentrum Baumholder im ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz. In den Vorbereitungen zu dieser Fahrt lernten sie Heinz Hesdörffer persönlich kennen. Er ist Zeitzeuge und Holocaustüberlebender. Heinz Hesdörffer ist Jahrgang 1923 und erzählt jungen Menschen von seinem Schicksal in der Nazi-Diktatur. Er erzählt von Ausgrenzung, Verfolgung, Zwangsarbeit, Entwürdigung und Tod. Er berichtet aber auch von seiner Befreiung und von seinem Leben nach dem Holocaust. Und er hat eine Botschaft an die Jugend:

„Ihr habt nicht zu verantworten was geschehen ist. Ihr tragt jedoch eine Verantwortung für das, was geschehen wird!“

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Mit diesem Auftrag im Gepäck machten sich 5 Jugendliche auf eine Reise, die sie so schnell nicht vergessen werden. Sie begaben sich auf „die Spuren von Heinz Hesdörffer“.
Mit viel Glück hatte Heinz Hesdörffer, Theresienstadt und Auschwitz überlebt. Er wurde von den Nazis in Schwarzheide gebraucht. Dort befand sich die BRABAG. Sie stellte synthetischen Treibstoff aus Braunkohle für die Kriegsmaschinerie der Deutschen her. Im Juni 1944 wurde das Werk durch Luftangriffe der Alliierten schwer zerstört. Deutsche Arbeitskräfte gab es zu diesem Zeitpunkt keine mehr. Sie wurden alle an der Front benötigt. Also griff man auf Häftlinge aus Konzentrationslagern zurück. Das war die Rettung für Heinz Hesdörffer. Gemeinsam mit 1000 Häftlingen verließ er Auschwitz und wurde nach Schwarzheide zum Wiederaufbau der BRABAG Schwarzheide eingesetzt. Am 01.07.1944 richtete man dort ein KZ-Außenlager von Sachsenhausen ein. Viel ist über dieses Lager nicht bekannt. Es gibt wenig Bild- und Textmaterial. Heinz Hesdörffer hat hierzu jedoch viele Erinnerungen aufgeschrieben und sie in seinem Buch „Bekannte traf man viele“ aufgeschrieben.

Wir wollten uns vor Ort ein Bild machen.

Was ist vom ehemaligen Konzentrationslager übrig geblieben?
Wie wird den ehemaligen Zwangsarbeitern gedacht?
Wie wird den Toten gedacht?
Geht von Schwarzheide eine Botschaft an nachfolgende Generationen aus?

Fragen, auf die wir uns eine Antwort erhofften.

Wir reisten am Donnerstag, 26.05.16 gegen 16.00 Uhr an.
Wir wussten, dass gegenüber dem Besucherzentrum der BASF in der Schipkauer Straße ein Ort des Gedenkens sein soll. Einen Hinweis auf diesen Gedenkplatz haben wir vor Ort nicht gefunden. Dennoch fanden wir ihn und mit ihm auch die Gedenktafeln:

Im Mai 1965 wurde eine erste Gedenktafel zur Erinnerung an das KZ-Außenlager enthüllt. Diese wurde am 09.11.1968 umgesetzt. Es entstand ein Gedenkplatz gegenüber der Hauptverwaltung.
Zuvor, am 08.05.1968, wurde eine Gedenktafel (Findling) am ehemaligen Lagereingang angebracht. Dieser Findling mit Gedenktafel wurde am 09.11.1988 auf den neu gestalteten Gedenkplatz verlegt. Am 12. Mai 1992 erfolgte die Einweihung des Gedenkplatzes.

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Gedenktafel vom 07.05.1965:
1933-1945
Den Opfern des Faschistischen Terrors zum Gedenken
Den Lebenden zur Mahnung

Findling mit Gedenktafel 08.05.1968:
1944-1945
Faschistisches Konzentrationslager Sachsenhausen
Aussenlager Scharzheide

Gedenktafel vom 09.11.1988:
Im Gedenken an die im KZ-Aussenlager Schwarzheide
um das Leben gekommenen jüdischen Bürger.
- Ausgangspunkt des Todesmarsches nach Theresienstadt 18.04.1945 -

Weitere Informationen zum KZ-Außenlager Sachsenhausen fanden wir nicht. Keine Daten, keine Informationen, keine Zeitzeugenaussagen – nichts!

Die Jugendlichen suchten weiter und fanden einen „Einmannbunker“ und ein Schild mit dem Hinweis, dass an dieser Stelle eine Gaskammer stand. Sie wurde jedoch nicht fertiggestellt. Neben dem Bunker erneut ein kleines Schild:
„An dieser Stelle stand 1944 – 1945 das Außenlager des Konzentrationslagers Sachsenhausen. Dieser letzte erhaltene Ein-Mann-Bunker diente den SS-Wachmannschaften im Falle von Luftangriffen als Unterstand.“

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Trotz intensiver Suche auf dem Gelände wurden keine weiteren Hinweise auf ein KZ gefunden.

Dieser Besuch war für sie sehr ernüchternd.

Wird so die Erinnerung wachgehalten?

Reichen diese Informationen und diese
Gedenktafeln wirklich, dem Geschehenen
gerecht zu werden?

Die Jugendlichen wünschten sich mehr Informationen, um das Geschehene für die Nachwelt in Erinnerung zu halten.

Mit vielen Fragen im Kopf, fuhren wir weiter in die Jugendherberge Köriser See.

Dort wurden wir sehr freundlich empfangen und genossen die Stille am See.
Den Abendausklang verbrachten wir auf einem Steg mit Gitarre und Gesang.

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Am nächsten Tag ging unsere Fahrt weiter zur Gedenkstätte Sachsenhausen. Um 10.30 Uhr begann unsere Führung durch das ehemalige Konzentrationslager. Heinz Hesdörffer verließ Schwarzheide in der Nacht vom 18. auf den 19.04.1945. Das Lager wurde geräumt. Alle Häftlinge wurden auf den sogenannten „Todesmarsch“ nach Theresienstadt geschickt. 150 km Fußmarsch lagen vor ihnen – zu viel für Heinz Hesdörffer. Er und 150 weitere Häftlinge waren zu schwach für diesen Marsch. Zwei Busse fuhren diese armseligen Häftlinge nach Sachsenhausen.

Wir wollten sehen, wo Heinz Hesdörffer hingebracht wurde. Viel war hier nicht mehr zu sehen. Und dennoch konnten wir uns annähernd ein Bild davon machen, was an diesem Ort über Jahre hinweg passiert ist. Heinz Hesdörffer kam kurz vor Ende des Krieges dort an und blieb nur 2 Nächte dort. Dann sollte auch dieses Konzentrationslager geräumt werden. Die russische Armee kam immer näher und die SS befahl die Räumung des Lagers. Heinz Hesdörffer wurde trotz seines gesundheitlichen Zustands nun doch auf den Todesmarsch geschickt.

Wir nutzten die Zeit und machten uns ein ausführliches Bild über das KZ Sachsenhausen. Am Ende merkten wir jedoch, dass ein halber Tag nicht ausreicht, das Ausmaß der Verbrechen zu realisieren.

Wir fuhren weiter in die Gedenkstätte „Todesmarschmuseum Belower Wald“. Dort nämlich kam auch Heinz Hesdörffer vorbei. Gemeinsam mit 16.000 Häftlingen übernachteten sie ohne Decken und warmer Kleidung für mehrere Tage im Wald. 100 km hatten sie zu Fuß zurückgelegt – ohne Essen und kaum Wasser. Viele überlebten diese Tage nicht. Das internationale Rote Kreuz durfte damals nach langem Bitten einige Lebensmittel an die Häftlinge verteilen. Doch viele haben davon nichts mitbekommen.
Wir waren gespannt, was uns dieser Wald erzählen kann. Welche Spuren werden wir finden?
Um 16.00 Uhr kamen wir in der Gedenkstätte an. Frau Carmen Lange, Leiterin der Gedenkstätte, begrüßte uns sehr herzlich und wir schauten uns um: Wald, Wald und Wald.
Wo sind wir nur hier gelandet?

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Kaffee und Tee standen schon auf dem Tisch und wir durften erste Fragen stellen. Hier verbrachten wir zwei Nächte auf Iso-Matte und im Schlafsack. Am Abend tauschten wir unsere Eindrücke von Sachsenhausen aus und unser Blick ging immer mal wieder in den Wald, in dem 16.000 Häftlinge mehrere Tage ausharren mussten.

Am Samstag ging es nach einem guten Frühstück zur Open-Air Ausstellung neben dem Waldstück. Uns wurde durch Carmen Lange die Geschichte der Todesmärsche und die Situation der Häftlinge, besonders hier im Wald, vor Augen geführt. Hilfreich waren hierbei gut gestaltete Informationstafeln, von denen wir uns zwei oder drei auch in Schwarzheide gewünscht hätten.

Im Wald selbst haben die Häftlinge viele Botschaften hinterlassen. In die Rinde von Bäumen schnitzten sie Bilder, Zahlen und Namen …

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Der Wald sprach zu uns und wir lauschten dem Wind, der die Blätter hin und her bewegte.

Heinz Hesdörffer machte sich mit den Häftlingen wieder auf den Weg. Nach gut 3 km erreichten sie Grabow. Dort ruhten sie sich in Scheunen aus. Heinz Hesdörffer wog nur noch 35 kg und war viel zu schwach, um weiterzugehen. Dann, endlich, kam die Rote Armee. Er wurde am 02. Mai 1945 befreit. 132 Häftlinge starben vor Ort und wurden auf dem Friedhof beerdigt. Wir suchten den Friedhof auf und gedachten der Toten. Wir gingen auch durch das Dorf Grabow und sahen alten Scheunen. In welcher wohl Heinz Hesdörffer befreit wurde? Wir wissen es nicht.

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Aber es war gut, an diesem Ort gewesen zu sein.
Geschichte wurde so begreifbar.

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Viel haben wir gehört, gesehen und besprochen. Nun brauchten wir mal eine Auszeit und fuhren
nach Waren an der Müritz. Dort machten wir Halt am Schiffsschraubenwerk und an einer Kanustation. Zwei Stunden paddelten wir auf der Müritz und ließen unseren Gedanken freien Lauf.
Abschalten – an nichts denken – geht das?
Nicht ganz und dennoch war dieser freie Nachmittag wichtig für die Gruppe.

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Abends in der Gedenkstätte schauten wir uns noch den Film „Hotel Ruanda“ an. Die Menschheit hat aus den Verbrechen des Holocaust nicht gelernt. Noch heute gibt es Völkermorde.

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Am Sonntag ging es wieder nach Hause. Wir haben begriffen, dass wir Verantwortung tragen, für das, was heute und morgen passiert. Wir durften Fundgegenstände der ehemaligen Häftlinge in die Hand nehmen und begriffen, dass jeder Gegenstand mit einem menschlichen Schicksal in Verbindung
gebracht werden kann.

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Nach dieser Fahrt gibt es viel zu berichten und sie hat jeden von uns ein Stück verändert.
Das ist gut so und wir hoffen, dass noch viele andere junge Menschen sich auf diese Spurensuche begeben.

Das Ev. Jugendzentrum Baumholder lädt hierzu alle interessierten jungen Menschen ein.

Ein besonderer Dank ergeht an das Bildungswerk Heinz Hesdörffer e.V., das diese Fahrt unterstützt hat und an Carmen Lange, die uns viel Zeit geschenkt hat.

Andreas Duhrmann