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Zum Nachdenken

Auf der Suche nach dem Glück – kleine Denkanstöße zur Gelassenheit

Wenn Sie, liebe Gemeindeglieder, diesen Gemeindebrief in der Hand halten, ist dieses Jahr 2021 schon beinahe wieder vergangen. Und wenn ein Jahr sich dem Ende entgegenneigt, dann kann man schon mal zurück-, aber genauso auch vorausschauen. Was war, was kommt im kommenden Jahr 2022? Was ist aus alledem geworden, was ich mir zu Jahresbeginn vorgenommen hatte? Was ist mir gelungen, wo und woran bin ich gescheitert? Wofür bin ich dankbar und wo bin ich der Geduld und Vergebung bedürftig?

„Alle Menschen wollen glücklich sein“, schreibt der griechische Philosoph Aristoteles, berühmt geworden vor allem durch seine „Nikomachische Ethik“, einem Buch, in dem es um das richtige Leben geht. Wenn Menschen glücklich sein wollen, müssen sie sich auf die Suche danach machen. Märchen enden oft mit dem Satz: „… und sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende!“ Wer erst einmal alle Hindernisse überwunden hat, böse Stiefmütter und Räuber besiegt hat und alle Prüfungen bestanden hat, dem winkt dauerhaftes und ungetrübtes Glück. Aber ist das Glück so märchenhaft, dass es wirklich nur Märchenfiguren vorbehalten bleibt? Und zunächst: was ist denn Glück überhaupt? Ist es eine harmonische Beziehung, gute und stabile Gesundheit, der Sechser im Lotto? Oder der wunderbare Ausblick vom Gipfel eines selbst bestiegenen Berges? Oder ist es vielleicht in den ganz kleinen und unspektakulären Momenten des Alltags zu finden, in einem Lächeln beispielsweise? Oder alles zusammen oder ganz etwas anderes?

Das Glück lässt sich aus vielen Blickwinkeln betrachten und die Suche nach ihm ist eine lebenslange. Dieser Suche steht der Lebensalltag offensichtlich oft im Wege. Da sind nicht selten die Sorgen, die einen quälen, stärker als die Zuversicht und der Mut. Jesus sagt zu seinen Jüngern einmal: „Wer suchet, der findet!“

Für mich stellt sich weniger die Frage, wo ich suchen soll, sondern vielmehr, wie ich mich auf die Suche mache. Welche Gestimmtheit ist dafür unerlässlich? Die Antwort auf diese Frage finde ich in der Gelassenheit. Dieses Wort mag für manche klingen wie ein altes Instrument, auf dem lange nicht mehr gespielt worden und das deshalb verstimmt ist. Ich muss es neu stimmen, damit es wieder schön klingt. Gelassenheit ist etwas ganz anderes als Phlegma, und erst recht etwas anderes als Gedankenlosigkeit oder Resignation. Gelassenheit ist vielmehr eine Tugend, die ich einüben muss, um darin meisterlich zu werden. Sie ist sehr realistisch, sie verschließt nicht die Augen vor dem, was ist, sie flüchtet sich nicht in die Unberührbarkeit. Sie ist weit entfernt vom leider weit verbreiteten Zynismus in dieser unübersichtlichen Welt, sie hat viel gemeinsam mit der Liebe. Wer gelassen ist, der wird nach und nach reifer, innerlich stärker, zugleich auch sanfter und heiterer, offen für alles, was ihm begegnet. Die Gelassenheit hat zu tun mit Klugheit, Tapferkeit, Gerechtigkeit und Maß. Das alles sind uralte Begriffe der Tugend, die jedoch seit der Antike – wie ich finde – nichts von ihrer Gültigkeit verloren haben.

Klug in diesem Sinne ist nicht, wer besonders gerissen ist oder intellektuell scharf denken kann. Die Klugheit, die ich meine, ist eine Form des in sich ruhenden Selbst-Bewusstseins. Tapferkeit ist eine angstfreie Sicherheit, die sich vor dem aggressiven Gegner nicht beugt. Gelassenheit ist darüber hinaus auf die Gerechtigkeit bezogen, die auch dem anderen Menschen Raum lässt. Solche Haltung gibt dem Leben ein Maß, weil sie nicht nur sich selbst sieht, sondern sich dem Anderen mit einem liebevollen Blick zuwendet. Gelassene Menschen sind unabhängig, frei und souverän.

Allerdings kommt niemand seelenruhig auf die Welt. Gelassenheit braucht Zeit und Lebenserfahrung. Seelenruhe ist nicht nur Begabung, die man eben hat oder nicht. Sie ist auch eine Aufgabe, lebenslang, bis zuletzt: gelassen zu werden, kurzum: auf der Suche zu bleiben, um zu finden.

Auf dieser Suche und bei dieser Übung kann es hilfreich sein, sich bestimmte Dinge vorzunehmen – ich nenne es hier absichtlich nicht „gute Vorsätze“, von denen schon bald nach Jahresbeginn selten mehr übrigbleibt als das schale Gefühl, es wieder einmal nicht geschafft zu haben. Eine kleine Liste solcher Vorhaben sei hier vorgeschlagen – selbstverständlich ohne Anspruch auf Vollständigkeit:
Auf Platz eins: Freie Zeit bewusst nutzen.
Zweitens: Einmal am Tag für einige Minuten innehalten und nichts tun; wem das zu lang erscheint, der versuche es zunächst mit dem Innehalten für nur eine Minute.
Drittens: Die Arbeit gestalten – Was kann ich? Was will ich erreichen? Was geht?
Viertens: Nicht geizig sein, weder anderen noch sich selbst gegenüber.
Fünftens: Tagebuch führen – und wenn es nur das Wetter ist, das ich notiere.
Sechstens: Der Situation Vorrang geben vor der Theorie – bereit sein für die Menschen und die Situationen, die mir begegnen.
Siebtens: Jeden Tag bewusst beginnen und zu Ende bringen.
Und schließlich: Gescheiterte gute Vorhaben nicht sofort aufgeben.
(Es kann übrigens Spaß machen, sich die Zeit zu nehmen und eine eigene solche kleine Liste zu erstellen; auch dies kann schon zur Glücksuche hinzugehören und die Gelassenheit einüben!)
Wer dies so oder ähnlich versucht, der wird von den Alltagssorgen nicht mehr über die Maßen geplagt werden und wird am Ende zu den Glücklichen gehören, die gefunden haben, was sie suchten…
In diesem Sinne grüße ich alle Leserinnen und Leser,

Ihr Pfarrer Christoph Engels

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